Second Life Interview mit Anders Nordberg

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Interview vom 12.12.2006

Hier ist das Interview mit Bildern im Multimediablog


Bernd Celt: Wie ist Dein SL Name und wann bist Du in SL geboren?
Andres Nordberg: Mein SL-Name ist Anders Nordberg, und geboren bin ich am 6. April 2006, bin also 8 Monate jung
Bernd Celt: Was machst Du hauptsächlich in SL? Willst Du hier RL-Freizeit verbringen oder auch Geld verdienen?
Andres Nordberg: In erster Linie steht bei mir die Freizeit im Vordergrund. Geld verdiene ich im RL und nicht in SL, und ich habe auch nicht vor das in Zukunft zu ändern. Dinge die ich mal für mich selbst gebaut habe und brauchbar genug sind verkaufe ich allerdings, viel bringt das aber nicht ein und ein richtiges Geschäft wird da wohl auch nie draus.
Bernd Celt: Beschreibe Deine Aktivitäten in SL? Und Deine Motivation dazu?
Andres Nordberg: Die meiste Zeit verbringe ich in den letzten Wochen als SecondLife Mentor, da gibts immer genug zu tun. Meistens indem ich Anfängern helfe, oft unterstütze ich aber auch ältere Bewohner bei Problemen beim bauen oder skripten beispielsweise. Ansonsten erkunde ich Sims, baue an meiner eigenen kleinen Wohn-Raumstation, schreibe Skripte oder diskutiere mit Freunden und Bekannten über den Sinn und Unsinn des Zweiten Lebens :-) Ab und zu bin ich aber auch auf Parties oder bei Live-Konzerten.
Bernd Celt: Welche Einnahmen mit welchen Aktivitäten konntest Du bisher in Summe in SL erzielen?
Andres Nordberg: Durch Verkäufe oder Dienstleistungen (schreiben von Skripten beispielsweise) in Summe vielleicht maximal 1000L. Sofern nicht jemand irgendetwas sehr spezielles wünscht, bekommt er die Skripte von mir umsonst. Ansonsten bekomme ich durch den Premium-Account wöchentlich 500L von LindenLab. Aber das wars dann eigentlich auch schon.
Bernd Celt: Wieviel hast Du bisher an eigenem Geld in SL investiert (getrennt in Euro und Lindendollar die als Erträge aus SL stammen) ?
Andres Nordberg: Meine laufenden Kosten sind etwa 6 Euro pro Monat für den Premium Account die ich an LindenLab zahle. Dazu kommen derzeit noch etwa monatlich 20 Euro Miete für mein Stück Land die an Anshe Chung gehen. Der Rest ist stark davon abhängig was ich gerade mache. Als ich mit SL anfing habe ich schon ein paar Euro in Linden umgetauscht um eine Art "Grundausrüstung" zu kaufen. In Summe waren das vielleicht 20 Euro, also im Rahmen denke ich wenn man es mit anderen Hobbies vergleicht. Inzwischen komme ich gut mit den 500L/Woche aus die mir LindenLab zahlt, bis auf Kleidung baue ich inzwischen ziemlich alles selbst deswegen halten sich die Ausgaben in Grenzen.
Bernd Celt: Trennst Du Deine echte Realität von SL? Wenn ja, Warum? Wenn nein, wie reagiert Deine direkte Umwelt auf Deine SL Aktivitäten?
Andres Nordberg: Ich binde nicht unbedingt jedem meine RL-Daten auf die Nase, aber ich verheimliche sie normal auch nicht da ich nicht wirklich einen Grund dafür sehe. Ich mache in SL nichts wofür ich mich schämen oder das ich verheimlichen müsste :-) Die meisten meiner SL-Freunde wissen auch mehr oder weniger viel über mein RL, so wie auch meine RL-Freunde über SL informiert sind. Meine Umwelt reagiert in der Regel eher neugierig und interessiert, bei den meisten Leuten handelt es sich aber auch um eher technik-offene Personen. Es ist auch nichts Neues das ich mich im Internet irgendwo rumtreibe, an Websites schreibe oder so etwas in der Art.
Bernd Celt: Wie oft bist Du In-World in Stunden pro Woche? Wie oft gehst Du pro Woche online?
Andres Nordberg: Derzeit annähernd täglich, da es oft nebenher läuft auch wenn ich mit anderen Dingen beschäftigt bin und es dank Flatrate auch nicht weiter stört. Je nachdem was und wieviel im RL gerade los ist kann es aber schon sein das ich mal nicht online bin, RL geht schliesslich immer noch vor. Reine Onlinezeit dürfte aktuell 20h und mehr sein.
Bernd Celt: Hat sich Dein gefühltes Mediennutzungsverhalten seit SL verändert? Bsp.: Weniger Fernsehen oder weniger Surfen? Wenn ja, schätze die zeitlichen Veränderungen?
Andres Nordberg: Mehr verlagert. Ich surfe kaum mehr ziellos durchs Internet, was ich früher durchaus mal gemacht habe. Da ich Fernsehnachrichten etc.meistens sowieso auf dem PC ansehe, ist das ziemlich gleich geblieben, und viele andere Nachrichten beziehe ich sowieso über Feedreader oder Websites. Fernsehabende mit Freunden finden aber weiterhin in Ruhe vor dem TV im Wohnzimmer an, ohne SecondLife. Von der Menge her ist das auch ziemlich unverändert geblieben.
Bernd Celt: Was ist für Dich das faszinierende an SL? Beschreibe es bitte in min. 5 Sätzen.
Andres Nordberg: Eine recht schwere und nicht leicht zu beantwortende Frage...Zum einen die Möglichkeiten und Freiheiten die man hat. Egal ob man programmieren will, mehr oder weniger verrückte Konstrukte bauen, Parties feiern, Rollenspiele spielen möchte oder sich gegenseitig mit Waffen beharken will. Gerade diese Freiheit ohne das man wie in MMORPGs von irgendjemandem gesagt bekommt was man machen soll ist zwar für viele Anfänger ungewohnt, dafür aber für sehr viele andere genau der Punkt wodurch SL so attraktiv ist und warum es nie langweilig wird. Ansonsten ist es auch immer wieder faszinierend zu sehen zu was Leute in SecondLife nutzen und was hier gebaut wird. Von futuristischen-düsteren Zukunftsstädten (z.B. Nexus Prime und Devils Moon), über Fantasy-Welten mit großen und äußerst detaillierten Drachen (Isle of Wyrms) bis hin zu Zen-Klöstern (Zen Center in Teal) und Naturwelten (Svarga). Daneben gibt es aber auch noch unzählige andere Beispiele wie z.B. Museen (International Spaceflight Museum, Mera Art) oder auch Arenen in denen man mit Schwertern gegeneinander antreten kann (Samurai Island). Und daneben ganz klar die Vielzahl unterschiedlicher Klubs und Treffpunkte für praktisch jeden Geschmack, in dem man nicht nur Leute kennen lernen kann sondern in denen auch oft über Audio- oder Videostreams Livekonzerte übertragen werden und man dadurch auch hier in Deutschland z.B. live bei einem Auftritt einer US-Amerikanischen Jazzband dabei sein kann, mit die Möglichkeit eines Echtzeitfeedbacks was bei einem reinen Audiostream ohne SL fehlt.
Bernd Celt: Erzähle bitte von Deinen drei größten Erlebnissen/Erfolgen in SL.
Andres Nordberg: Das erste Livekonzert. Anfangs etwas merkwürdig wenn da vorne auf der Bühne ein Avatar mit Gitarre steht und die Musik via Audiostream von der anderen Seite des Planeten kommt. Aber wenn man sich daran gewöhnt hat ists etwas das man immer wieder gerne mitmacht. Mein erster miterlebte Grey-Goo-Angriff auf das SecondLife Grid. Traurig zu sehen was so ein paar Idioten anrichten können... Interessant dabei ist dann auch immer die Diskussionen im Anschluss wie man so was in Zukunft in den Griff bekommen kann. Ein Problem dessen Lösung weiterhin aussteht.
Andres Nordberg: Das erste eigene Stück Land :-) Glaubt man vielleicht nicht, aber mit eigenem Land wird die Erfahrung SecondLife noch mal verändert und man sieht das eine oder andere unterschiedlich.
Bernd Celt: Welche Erfahrungen/Erlebnisse sind für Dich in SL nicht schön – Was stört Dich besonders?
Andres Nordberg: Zum einen Griefer jeglicher Art. Vielen ist einfach nur nicht bewusst was SecondLife ist. Aber manche wollen mit voller Absicht und sehr gezielt Unruhe und Ärger stiften, was bei grösseren Aktionen auch dazu führen kann dass das ganze System vorübergehend offline gehen muss. Ansonsten nervt in letzter Zeit die einseitige Berichterstattung über SecondLife. Man zeigt dort die eine oder andere Sex-Community und einschlägige Geschäfte, und lässt das Thema immer wieder um Sex kreisen damit auch ja der Eindruck entsteht es geht bei SecondLife nur um das eine Thema. Die unzähligen anderen Möglichkeiten werden bestenfalls mal kurz erwähnt. Allerdings denke ich das sich das ändern wird sobald der Hype etwas nachlässt. Im Moment will eben jeder über SL berichten, und Sender wie RTL, VOX und Pro7 die primär auf die Quote aus sind "berichten" eben so das es sich an die breite Masse verkauft. Die werden aber bald zum nächsten Thema weiterziehen, so wie das immer der Fall ist.
Bernd Celt: Wovor hast Du am meisten Angst in SL? Was ist Deine größte Sorge?
Andres Nordberg: Das LindenLab nicht mit der derzeitigen Entwicklung mithalten kann und die Infrastruktur weiter zusammenbricht. In letzter Zeit hat man oft den Eindruck das LL das System nicht mehr unter Kontrolle hat und die Leute dort mehr Interesse an der Entwicklung neuer Features haben und weniger daran SecondLife auf vernünftige und stabile Beine zu stellen. Früher oder später wird es zwangsläufig ein Konkurrenzprodukt auf dem Markt geben. Wenn SecondLife dann immer noch so Problembeladen ist werden die Leute schnell wechseln.
Bernd Celt: Was glaubst Du sind die zukünftig größten drei Interessengebiete der SL-Community?
Andres Nordberg: Prinzipiell wohl die gleichen wie jetzt auch: Soziale Interaktion im Sinne von Interessengemeinschaften und Benutzergruppen aber auch Partys und Konzerten dürfte weiterhin an erster Stelle stehen. Dann auch Konsum bzw. Shopping um seinen Avatar oder das virtuelle Haus auszustatten. InWorld Multiuser-Spiele werden denke ich auch zunehmend eine Rolle spielen, und sich innerhalb von SecondLife Systeme wie z.B. World of Warcraft entwickeln. Gespannt bin ich darauf welche Rolle in Zukunft Firmen spielen werden, im Moment wird ja mehr ausprobiert welche Möglichkeiten bestehen.
Bernd Celt: Was ist die Zukunft von SL in 1,3 und 5 Jahren? Was ist Deine persönliche Prognose?
Andres Nordberg: In einem Jahr ein hoffentlich stabileres, nicht mehr ganz so lagendes SecondLife, mit etablierten Firmen die die Dynamik von SL verstanden und sich entsprechend angepasst haben. Bis dahin ist wohl auch der Hype vorbei, und es gibt nicht mehr eine so hohe Zuwanderung. Ablösung in allerspätestens 5 Jahren durch ein System das in Grafik, Sound und Avatar-Interaktion aktueller und performanter ist. Alternativ vielleicht auch ein kompletter Austausch der Platform SecondLife durch ein neueres, aber abwärtskompatibles System, wobei ich in dem Punkt an der technischen Machbarkeit stark zweifle. Die bessere Lösung wäre es aber definitiv wenn der bestehende Content übernommen werden kann.
Bernd Celt: Welche Empfehlung würdest Du dem Bayerkonzern (Bayer AG) zu der Frage geben, ob eine SL-Präsenz sinnvoll ist und was wäre bei einer solchen Entscheidung zu beachten? (Wenn Du Bayer nicht kennst, stell Dir einfach ein anderes großes deutsches DAX-Unternehmen vor)
Andres Nordberg: Gut durch mindestens zwei erfahrene SL-Bewohner (mit Geschäftserfahrung) beraten lassen, möglichst sollten die Verantwortlichen auch eigene (erste) Erfahrungen in SL sammeln. Zusätzlich genau darüber im Klaren sein was man sich durch die Firmenpräsenz in SecondLife erwartet und nicht einfach nur dem Hype folgen und auch nicht vergessen das neben den Einstiegskosten auch laufende Kosten anfallen. Eine Eröffnung die durch mangelnde Beratung zum Reinfall wird (Big-Brother-Eröffnung) dürfte genauso wenig gewünscht sein wie Sims bei denen mangels PR oder Attraktivität der Publikumsverkehr ausbleibt (Adidas, Reebok...) oder die aufgrund fehlender Wartung zeitweise zur Müllhalde verkommen (BBC). Die gemachten Fehler sind dabei meistens nicht mal große Geheimnisse, praktisch jeder der etwas länger im SecondLife ist hätte dies vorhersehen können. Virtuelle Welten wie SL haben eine Dynamik die unbedingt berücksichtigt werden muss. Projekte bei denen RL-Konzepte ohne Anpassung ins SL übertragen werden sind genauso zum Scheitern verurteilt wie damals die ersten Gehversuche der Verlage im WWW als Printmedien 1:1 ins Internet übertragen wurden. Ob es sinnvoll ist ist schwer zu sagen. Das aktuelle Geschehen zu beobachten und aus den Fehlern anderer zu lernen ist auf jeden Fall ratsam wenn man später nicht der Entwicklung hinterher laufen möchte. Ob man dazu gleich eine SL-Präsenz aufbaut muss die jeweilige Firma entscheiden, die Gefahr in einem Neuland wie SL Fehler zu machen ist sicherlich vorhanden. Dennoch könnten diese Erfahrungen später nützlich sein, und Fehler zu machen muss bei entsprechender Imagegestaltung nicht unbedingt ein Nachteil sein. Dazu haben Early-Adopters wohl auch immer einen gewissen PR-Vorteil durch die kostenlose Presse.
Bernd Celt: Welche Ratschläge kannst Du SL-Interessierten geben, wenn sie SL mal kennenlernen wollen? Was sind die größten Newbees-Fehler?
Andres Nordberg: Einfach ausprobieren (die Anmeldung ist kostenlos) und nicht entmutigen lassen. Die Lernkurve ist anfangs steil, und die technischen Probleme des Systems machen die ersten Versuche womöglich nicht unbedingt leichter. Weiterhin die gebotenen Informationsmöglichkeiten auf den Help-Islands und den Welcome-Areas nutzen. Wenn ein Mentor (erkennbar an dem Tag "SecondLife Mentor" über dem Namen) anwesend ist, höflich um Tipps bitten. Im Allgemeinen sind alle SL-Bewohner sehr hilfsbereit solange man nicht unfreundlich wird. Wenn man höflich ist bekommt man auch oft Kleidung und sonstige Ausrüstung zugesteckt, die man sich sonst selbst mühsam zusammensuchen müsste. Dabei sollte man nie vergessen dass in der letzten Zeit der Zulauf gewaltig ist, und manche Bewohner es leid sind hundert Mal die gleiche Frage zu beantworten. Also die Informationen in den Startgebieten am Anfang auch wirklich lesen und nicht später Leute danach fragen. Und ganz wichtig: NICHT mit Spielen wie WoW vergleichen. SecondLife eine Plattform und kein Spiel :-)
Bernd Celt: Andres Vielen Dank für das Interview.



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